Via Dinarica – Bosnien – Nette Polen, Niedliche Katzen und Nahrhaftes Essen

Oben auf dem ersten Berg, den wir in Bosnien-Herzegowina erklimmen, treffen wir Jakob und Katja. Sie sind aus Krakau und beide ein paar Jahre älter als wir. Auch sie sind auf der Via Dinarica unterwegs, allerdings machen sie nur den bosnischen Teil. Jakob ist letztes Jahr schon in Kroatien unterwegs gewesen. Beide sind sehr nett und sehr lustig, scheinen aber mit ihren schwereren Rucksäcken und Schuhen etwas langsamer zu sein als wir. Unsicher, ob wir sie wiedersehen werden, überholen wir sie auf dem Grat, über den die Via jetzt entlang führt. Auf dem nächsten Gipfel beginnt dann der sehr steile Abstieg ins Tal. Ein Pfad ist nicht erkennbar nur hin und wieder sehen wir Markierungen, es geht einfach auf direktestem Wege nach unten.

Das Kloster Masna Luka

Im Tal gibt es ein kleines Kloster, das witzigerweise sogar Wifi hat. Im Altarraum laden wir ein bisschen unsere Handys  auf, während wir auf der Wiese Zelt und Schlafsäcke trocknen lassen. Zumindest der Hausmeister und die Handvoll Touristen scheinen nichts dagegen zu haben. Gestärkt nehmen wir dann den nächsten Aufstieg in Angriff. Es geht auf den 2113m hohen Vilinak. Die Ausschilderung ist jetzt besser und sogar die Sträucher zu beiden Seiten sind getrimmt, nur steil ist es immer noch. Oben durchqueren wir erst sehr schöne alpine Wiesen bevor es auf den Gipfel geht. Von dort haben wir eine super Aussicht! Eine Schlucht fällt nicht weit von uns direkt knappe 2000m ab, dahinter türmen sich weitere Berge auf. Da es schon nach 18.00 Uhr ist machen wir uns bald wieder auf den Weg. In den Abendstunden ist das Wandern immer besonders schön, besonders wenn man die Berge für sich ganz alleine hat. Das Licht wird weicher, die Schatten länger und es ist nicht mehr ganz so heiß. Gegen 20.00 Uhr, als es langsam dunkel wird, quetschen wir unser Zelt zwischen ein paar Büsche etwas abseits vom Trail, was besseres lässt sich nicht mehr finden.

Der Vilinak

Der nächste Morgen hält einen langen Abstieg für uns bereit. Wir müssen nach Jablanica runter, also auf ca. 200 Meter Meereshöhe! Der Weg bleibt zum Glück gut und schlängelt sich in vielen Serpentinen hinunter bis zu Straße. Bei einer Müllhalde laufen uns vier sehr junge Hunde entgegen, die so süß waren, dass wir sie fast mitgenommen hätten.

Einmal in Jablanica gehen wir erstmal eine Jumbo-Pizza essen, die hier interessanterweise mit Ketchup und Mayo anstatt Tomatensauce kommt. Einheimische vom Tisch nebenan geben uns noch Äpfel und Pflaumen mit auf den Weg. Nach einem Besuch im Supermarkt machen wir uns an den Anstieg auf das nächste Bergplateau, während der Gesang des Muezzins unter uns die Gläubigen zum Gebet ruft. Es geht jetzt ins Prenj-Gebirge. Weil es dort so gut wie keine Menschen gibt, wird es auch das Himalaya Bosniens genannt, haben wir zumindest gehört. Klingt zumindest genau nach unserem Geschmack. Erstmal müssen wir aber da hochkommen.

Die Neretva bei Jablanica

Die ersten 1500 Höhenmeter sind unglaublich steil. Die horizontale Distanz beträgt nur gute fünf Kilometer, aber gegen 19.00 Uhr abends haben wir gerade mal die Hälfte geschafft. Zum Glück haben wir uns entschieden, nur Essen für zwei Tage mitzunehmen, sonst wären unsere Rucksäcke noch schwerer! Auf dem schmalen Kamm finden wir aber einen ganz netten Lagerplatz und so heben wir uns den Rest der Kletterei für morgen auf.

Erst mittags kommen wir dann wirklich oben im Prenj an. Dort ist es tatsächlich sehr einsam, bis auf zwei, drei Wanderwege und einige Schutzhütten gibt es nur Berge hier. Auch das Wasser ist knapp, zumindest an der Oberfläche. Wahrscheinlich fließt alles unter uns durch den Karst. Irgendwann kommen wir an ein paar Kühen vorbei (also doch nicht ganz so einsam und wild?), denen wir etwas Wasser aus ihrer spärlich tröpfelnden Quelle abluchsen. Am frühen Nachmittag erreichen wir den Fuß des 2108m hohen Zelena Glava. Wir lassen unsere Rucksäcke unten stehen und klettern kurz hinauf, bevor wir weiter wandern. Oben überblicken wir fast das ganze Prenj-Gebirge.

Blick vom Zelena Glava

Grüne Wiesen durchsetzt mit weißen Felsen soweit das Auge blickt. Unser Camp wollen wir nicht so weit entfernt vom Weg aufschlagen, es gibt hier im Prenj nämlich immer noch viele Landminen aus dem Bosnienkrieg. Trotzdem finden wir ein schönes Plätzchen mit hübscher Aussicht.

Am nächsten Tag führt uns die Via Dinarica aber auch schon wieder aus dem Prenj hinaus. Die nächste Etappe führt ausschließlich auf Straßen am östlichen Ende des Gebirgszuges wieder nach norden. Zunächst kommen wir aber unten an einem Hotel mit Restaurant vorbei. Auf die 26km Asphalt haben wir noch keine Lust und so kehren wir erstmal auf einen Kaffee und ein Omelett ein.

Erst am frühen Nachmittag können wir uns wieder aufraffen und machen uns auf der sehr spärlich befahrenen Straße auf den Weg. Bald kommt jedoch ein freundlicher LKW Fahrer, der uns mitnimmt. Verständigen können wir uns mal wieder nicht, aber inzwischen sind wir im Dasitzen, freundlich Nicken und „Da“-sagen Experten geworden. Den ganzen Weg werden wir trotzdem nicht mitgenommen, die letzten 10km bergab müssen wir wieder mit Muskelkraft bewältigen. Pünktlich zum Abendessen kommen wir dann im kleinen Jezero an. Idyllisch an einem kleinen See gelegen hat es genau einen Imbiss und einen Tante Emma Laden. Gerade als wir am überlegen sind, ob wir wirklich nochmal Essen gehen wollen, winken uns von der Terrasse Jakob und Katja zu. Damit ist die Entscheidung gefallen, zwei große Cevapcici-Sandwich und zwei Pivo sind schnell bestellt. Die beiden sind nicht durchs Prenj gegangen sondern von Jablanica direkt mit dem Auto nach Jezero. Wir sind auf jeden Fall sehr dankbar dafür, dass wir uns mal mit jemandem richtig unterhalten können! Bald kommen auch noch zwei weitere Freunde von den beiden an und wir verbringen einen sehr lustigen Abend mit den vier Polen. Wir alle schlafen auf einer großen Wiese, die einer Anwohnerin gehört, die uns für ein paar Mark dort campen lässt.

Die vier Polen sind am nächsten Morgen schon früh weg. Wir lassen uns Zeit, stehen erst um halb acht auf und gehen dann auch erstmal auf einen kleinen Kaffee in den Imbiss. Als wir dann weitergehen finden wir nach ein paar Kilometern direkt eine Hängebrücke, die über eine Schlucht führt, durch die sich ein klarer, kalter Fluss schlängelt, der ideal zum reinhüpfen ist. Das gibt’s auf der Via Dinarica viel zu wenig und so können wir der Versuchung nicht widerstehen und gehen wir erstmal in der schnellen Strömung schwimmen. Erst um 10.00 Uhr machen wir uns dann wirklich ans Wandern.

Gegen 14.00 Uhr haben wir die Polen aber auch wieder in Sichtweite vor uns. Sie haben an einer Quelle Halt gemacht, die auch wie für unseren Lunch ansteuern, und brechen gerade auf.

Um an das Wasser zu kommen, muss man jedoch relativ tief in eine kleine Höhle reinklettern. In dem Moment fängt es an zu regnen und so setzen wir uns erstmal zum Essen unter einen Baum. Nach einer kleinen Weile kommt ein Bauer den Berg hoch, sieht, dass wir gerade am Essen sind und setzt sich einfach stillschweigen zu uns. Also bieten wir ihm etwas von unseren Nüsse und unserer Schokolade an, die er auch dankend annimmt. Als wir dann wieder aufbrechen, lädt er uns auf einen Kafva ein. Da sagen wir nicht nein und folgen ihm bis zu seiner einfachen Bauernhütte. Eine niedrige Tür führt in den dunklen Raum mit einem einfachen Boden aus Erde. Ein kleines Feuer brennt in der Ecke, auf dem auch direkt Wasser aufgesetzt wird. Während er die Kaffeebohnen mahlt, dürfen wir seinen super leckeren selbstgemachten Käse probieren. Der Kaffee wird auf türkische Art mehrmals aufgekocht und dann in kleinen Becherchen mit viel Zucker serviert. Vielleicht der beste Kaffee den wir je hatten! Zum Abschied kriegen wir noch ein bisschen mehr Käse, den wir so gelobt haben („dobro“=gut, wie wir hier lernen), und ein paar Äpfel mit auf den Weg.

Die Via Dinarica führt jetzt dicht an einer tiefen Schlucht entlang bis zum nächsten kleinen Hirtendorf. 

Die Rakitnica Schlucht in Bosnien

Ca. 10km bevor wir dort ankommen, hören wir aber ein lautes Miauen aus der Wiese. Ein kleines Kätzchen sitzt auf einem Stein mitten in der Wildnis und beschwert sich lautstark. Es ist sehr zutraulich und nach ein paar Streicheleinheiten fängt es an, uns bis zu unserem Camp zu verfolgen. Dort geben wir ihm erstmal etwas von unserem Käse und etwas Wasser, es ist nämlich ganz schön durstig! Nach dem es sich gestärkt hat, turnt es fröhlich über uns und über unsere Sachen. Während wir noch darüber diskutieren, ob es mit ins Zelt darf, trifft es selber die Entscheidung, indem es einfach reintappst und nicht mehr raus will. Wir machen ihm also ein Bett aus einer unserer Mützen, auf dem es dann auch schnell einschläft.

Lieber eine Katze im Zelt als einen Bär im Wald?

Später am Abend sehen wir in der Ferne dann Blitze zucken. Donner ist noch nicht zu hören, aber unser Platz liegt ziemlich exponiert am Rande der Schlucht auf einen hohen Punkt und so treffen wir die Entscheidung, nochmal umzuziehen. Kopflampe an, Katze in eine Hand und dann tragen wir einfach das Zelt mit unseren Sachen noch drinnen ein paar hundert Meter den Berg hinunter. Eine gute Entscheidung, in der Nacht ziehen nämlich gleich zwei Gewitter über uns hinweg!

Am Morgen scheint jedoch wieder die Sonne und wir machen uns auf den Weg nach Lukomir, einem kleinen, hochgelegenem Hirtendorf.

Das einsame Hirtendorf Lukomir

Die Katze läuft hinter uns her, wird aber ab und zu müde, dann nehmen wir sie für ein Stückchen auf den Arm und tragen sie. In Lukomir angekommen scheinen wir für sie aber nicht mehr interessant zu sein. Sie läuft einfach den beiden  nächstbesten Touristen hinterher, ohne uns, die wir sie doch gerettet haben, eines weiteren Blickes zu würdigen! Dabei waren wir schon am überlegen, ob wir sie mit nach Hause nehmen können…

Hirtenwiese bei Lukomir

Nach einer Stärkung mit Burek und Bohnensuppe geht es weiter. Wir folgen immer noch der Schlucht, bis sie irgendwann so weit abflacht, dass wir sie überqueren können. Dann geht es auf der anderen Seite wieder zurück. Die Via Dinarica hat dann einen ihrer Höhepunkte: sie folgt über vielleicht zwei Kilometer einem dünnen Grat, der mehrere Gipfel miteinander verbindet. Man fühlt sich tatsächlich als würde man auf „Messers Schneide“ laufen, zu beiden Seiten geht es steil mehrere hundert Meter hinab. Die Sicht ist toll, nur der Wind ist kalt hier oben. Auf ca. halben Weg kommen uns dann aber Jakob und Katja entgegen! Sie sind in einer Hütte unten im Tal abgestiegen und laufen das Stück jetzt am Abend noch schnell ohne Rucksäcke in umgekehrter Richtung. Sie haben sich schon gedacht, dass sie uns hier treffen werden und haben extra für uns heißen Tee in einer Thermoskanne mitgebracht! Eine unglaublich freundliche und sehr willkommene Geste! So schaffen wir es dann auch bis zu einem sehr schönen Zeltplatz im Tal, immer noch oberhalb der Baumgrenze aber diesmal 100%ig gewittersicher.

Via Dinarica

Jetzt sind es nur noch 30km bis zur nächsten größeren Stadt, Kalinovik. Leider geht es wegen Minengefahr hauptsächlich über Schotterstraßen und nur wenig über Berge. Auch unsere polnischen Freunde treffen wir heute nicht wieder. Wie sich in Kalinovik aber herausstellt, müssen sie dicht vor oder hinter uns gewesen sein. Sie sind um 19.00 angekommen, genau wie wir, hätten wir nicht 5km vorher, um Geld zu sparen, unser Zelt aufgeschlagen.

Einer der vielen Gedenkbrunnen der Gefallen aus dem Bosnienkrieg

In der Nacht, die wir noch im Zelt verbracht haben, waren sie in einem B&B bei Slava und Dušan. Wir trinken noch einen Kamillentee zusammen und dann brechen sie wieder auf. Wir bleiben noch etwas in der Café/Bar sitzen, entschließen und schließlich aber auch dafür, noch eine Nacht hier zu bleiben. Als erstes probieren wir es im hiesigen Hotel, das hat laut Internet nämlich eine Sauna. Zu unserem Bedauern ist es jedoch voll mit einer Busreise tschechischer Mountainbiker. Dann geht es eben doch zu Dušan. Sein B&B liegt etwas außerhalb, aber er holt uns mit seinem alten klapprigen VW Golf ab. Ungefähr jedes zweite Auto ist hier ein weißer VW Golf aus den 70ern oder 80ern. Dušan ist ein großer, hagerer Mann, der immer ein breites freundliches Grinsen auf dem Gesicht trägt. Sein Haus an der Via Dinarica hat er in ein B&B für Wanderer umgewandelt. Eigentlich ist er jedoch Jäger und zum Mittagessen tischt er uns selbst geschossenes Wild auf, zu dem er uns auch Bilder mit ihm und dem Reh zeigen kann. Zu erst gibt es getrocknetes Bärenfleisch, dann gegartes Reh mit gekochten Paprika und wunderbar geschmackvollen Tomaten. Dazu das weiße Brot, das man hier im Balkan zu jeder Mahlzeit isst. Nach dem wir so abgefüllt sind, müssen wir uns erstmal hinlegen, denn am Abend gibt es nochmal eine eben so große Portion: diesmal gebratenes Lamm mit Kartoffeln und frischer Butter. Unterhalten können wir uns nur wenig, trotzdem ist es sehr lustig mit ihm. Nach einem weiteren reichhaltigen Frühstück fährt er uns wieder zurück nach Kalinovik, wo wir zusammen noch einen Kaffee trinken, bevor wir uns weiter in Richtung Montenegro aufmachen.

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2 Antworten

  1. Martin sagt:

    Echt total spannend euer Bericht!!!

  2. Bettina Hüttmann sagt:

    Tolle Fotos und ein interessanter kurzweiliger Wanderbericht. Weiter so!

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