Via Dinarica – Bosnien/Montenegro – Sutjeska National Park und Maglić

Als wir uns auf unseren Weg aus Kalinovik heraus machen, treffen wir den alten Iren wieder, der uns im Prenj schon kurz über den Weg gelaufen ist. Er begleitet uns noch bis zum Stadtausgang, dort wartet nämlich noch ein anderer Wanderer, ein junger deutscher mit schwerem Rucksack, darauf, von einem Auto nach Sarajevo mitgenommen zu werden. Für den Fall, dass er kein Glück hat, will ihm der Ire das zweite Bett in seinem Hotelraum anbieten. Bei solchen Fernwanderungen oder Thru-Hikes entsteht eine überraschend tiefe Brüderlichkeit zwischen den Wanderern. Man kennt sich zwar eigentlich überhaupt nicht, aber wegen der besonderen Situation, in der man sich befindet, und den gleichen Erfahrungen, die man macht, entsteht eine enge Verbundenheit. Ähnlich wie beim Militär vielleicht, gemeinsame Qualen schweißen eben zusammen.

Auf dem Weg erzählt uns der nette Ire dann, dass er schon mehrere Stunden mit ausgestrecktem Daumen an der Straße stand, aber niemand für ihn angehalten hat. Zu allem Überfluss musste er auch noch die ganze Zeit neben einem großen Bildnis des verurteilten serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladić stehen. Inzwischen sind wir nämlich in der Republik Srpska angekommen, dem mehrheitlich von Serben bewohntem Teil von Bosnien und Herzegowina. Das alles hatte ihn eigentlich schon genug verärgert, aber dann kam auch noch ein korrupter Polizeibeamte, der ihm unter einem fadenscheinigen Vorwand 20€ abknöpfte! Jetzt will er morgen sofort den ersten (und einzigen) Bus nach Sarajevo nehmen und von da dann weiter auf den ‚Peaks of the Balkans‘ Wanderweg, von Bosnien hat er jedenfalls erstmal die Nase voll. Gerade als wir beim jungen deutschen Wanderer angekommen sind, der dort am Stadtausgang auch schon mehrere Stunden verbracht hatte, hält ein Auto an und nimmt ihn mit. Wir können ihm nur noch kurz viel Glück und Spaß auf seiner weiteren Wanderung auf der Via Dinarica wünschen.

Wir machen uns weiter auf den Weg in die Berge, in Sicherheit vor den „bad police men“, wie der Ire meint. Es geht durch die Zelengora Berge in den Sutjeska National Park.

Zelengora Berge

Diese Etappen ist eine der wildesten auf der ganzen Via Dinarica. Zwar sehen wir einige andere Wanderer, aber wir kommen durch keine Dörfer und kreuzen auch nur zwei Straßen. Die erste Nacht verbringen wir noch recht nahe an Kalinovik, bevor wir dann am nächsten Morgen auf den Velika Lelija (2032m) steigen. Währenddessen trocknen wir unser Zelt und unsere Quilts in der Sonne. Im Wald haben nämlich ordentlich was Kondensation abbekommen.

Velika Lelija

Zelengora hat, eigentlich zum ersten Mal auf der Via Dinarica, einige Bergseen, an denen wir vorbeikommen. Zum Reinspringen ist der Tag jedoch nicht geeignet. Schnell ziehen Gewitterwolken auf und wir beeilen uns, eine Schutzhütte zu erreichen, die nur ein paar Kilometer vor uns liegt. Die Hütte ist unbewirtschaftet und so sind wir etwas überrascht, als wir dort auch was zu essen vorfinden. Vor der Tür steht ein großer Sack mit Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch! Da wir dieses Mal ohne Kocher unterwegs sind, hilft uns das noch nicht viel. Aber drinnen lassen sich doch tatsächlich ein Gaskocher mit Kartusche, etwas Salz und eine Flasche Öl auftreiben. Just als wir beschliessen, aus alldem ein paar Bratkartoffeln zu kochen, fängt auch ein echtes Gewitter an, das sich gewaschen hat. Starker Regen, Wind, Hagel und Blitze sind, aus der Sicherheit der Hütte heraus, eine angenehme Kulisse zum Kochen!

Dunkle Wolken ziehen auf

Bratkartoffeln mit viel Öl für extra Kalorien!

Nachdem wir alles aufgegessen haben und der Regen fürs erste aufgehört hat, machen wir uns auf den Weg auf den Bregoč (2014m). Nach 15 Minuten hat uns aber schon das nächste Gewitter eingeholt und macht unsere frohe Stimmung schnell zunichte. Dachten wir doch, wir hätten den Supercoup gelandet, indem wir in einer einzigen Pause dem Wetter ausgewichen sind und gleichzeitig eine leckere und warme Mahlzeit aufgetrieben haben. Bald sind wir nass, kalt und wollen eigentlich nur noch in unser Zelt und in unsere warmen Schlafsäcke.

Fredi zeigt, wo er campen möchte

Kurz treffen wir noch drei deutsche Mädels, die uns entgegenkommen, aber das Wetter lädt nicht zum langen tratschen ein. Wir müssen uns bewegen, um warm zu bleiben. Oben auf dem Gipfel angekommen, lässt der Regen zum Glück etwas nach. Trotz der Wolken haben wir jetzt eine tolle Sicht. Die Luft ist vom Regen reingewaschen und schmeckt angenehm klar. In der Ferne lugt sogar die Sonne hinter den Wolken hervor.

Die entfernte Abendsonne

Auf der anderen Hangseite schrecken wir eine Herde von Gämsen auf, die in einem halsbrecherischen Tempo vor uns weggaloppieren. Bald setzt der Regen jedoch wieder ein und gegen 19:00 finden wir dann auch endlich einen etwas windigen Lagerplatz auf einem Grat. Gegen Gewitter sind wir diesmal durch die Berggipfel auf beiden Seiten geschützt. Kalt und nass, vor allem weil eine unsere Regenjacken nicht mehr ganz dicht war, kriechen wir in unsere Quilts. 

Das Camp rückt näher

Am Himmel am nächsten Morgen jagen sich Nebelschwaden und Wolken. Wald und Wiese sind immer noch nass vom Regen und die Sonne kommt erst am späten Vormittag hinter den Wolken hervor.

Wolkenspiel in der Morgensonne

Frühstück essen wir an der nächsten Hütte, die an einem malerischen Bergsee liegt. Regen droht zwar nicht mehr, aber ohne Sonne ist es uns zu kalt und so lassen wir auch diesen See links liegen. Der Weg führt uns jetzt durch den Perućica Urwald. Wegen den riesige Bäumen, dem dichten Unterholz und den vielen Hinterlassenschaften von Braunbären fühlt es sich, vielleicht zum ersten Mal auf der Via Dinarica, so richtig wild an. Wir steigen auf einem steilen Pfad in eine tiefe, zerklüftete Schlucht ab.

Wanderung Sutjeska-Nationalpark Bosnien

Wald im Sutjeska-Nationalpark

Unten angekommen ist das Wildnis-Feeling aber auch schon wieder vorbei. Dort müssen wir nämlich 5 Kilometer auf der Strasse einem Fluss folgen. Die Landstrasse ist eng und kurvig, die Autos haben nur wenig Platz zum Ausweichen und ein paar Mal retten wir uns mit einem Sprung auf die andere Seite der Leitplanke. Endlich verlassen wir die Strasse wieder und fangen an, auf der anderen Schluchtseite auf das Maglić-Massiv zu klettern. Der Maglić ist mit 2386m der höchste Gipfel in Bosnien. Dementsprechend lange dauert auch der Aufstieg. Der Wanderweg ist hier aber außergewöhnlich gut ausgebaut und führt in vielen Serpentinen hinauf. Gegen 17:00 stehen wir dann vor dem Maglić, der sich einige hundert Meter höher vor uns auftürmt.

Maglic Wanderung

Maglić thront vor uns

Eine steile Felswand wirkt entsprechend abweisend. Es gibt zwar einem Pfad, der gerade durch die Wand hoch führt, der involviert aber auch einiges an Kletterei. Auf den Wegweiser hat jemand einen Totenkopf gemalt und eine Hinweistafel sagt, man bräuchte einen Klettergurt und einen Helm für diesen Weg. Dementsprechend führt die Via Dinarica auch über einen größeren Umweg von der anderen Seite auf den Gipfel, die fällt nämlich nur sanft ab. Nach einer kurzen Rast sind wir trotz alldem drauf und dran uns doch an dem steilen Pfad zu versuchen, aber dann ziehen dunkle Wolken über den Maglić. In einen Wettersturz wollen wir nun auch nicht kommen, zudem würde man oben auch gar nicht die Aussicht genießen können. Also machen wir uns etwas enttäuscht an die längere Umrundung des Gipfels. Immerhin kommt man dort wieder an einem sehr schönen Bergsee vorbei. Der liegt genau an der montenegrinischen Grenze und auf der anderen Seite sitzt auch ein Ranger in seiner Hütte und winkt uns zu sich. Er will unsere Ausweise sehen, trägt unsere Namen in ein Buch ein und verlangt 5€ für die Erlaubnis, am See campen zu dürfen. Eine handvoll anderer Zelte stehen schon am See und eigentlich hatten wir uns was einsameres erhofft, aber da es in dem Moment wieder anfängt zu tropfen, bezahlen wir die 5€.

Schöner Platz für 5€?

Trotzdem fühlen sich solche Geschichten immer schlecht an. Nicht nur, dass man Geld bezahlen muss, das Erlebnis, was man damit „kauft“, ist wegen dem vielen Verkehr meistens auch noch schlechter als in der tatsächlich wilden Natur. Naja, schön ist die Campsite trotzdem.

Der nächste Tag fängt an wie der vorherige: wolkig. Der Gipfel vom Maglić scheint aber dennoch frei zu sein und manchmal erhaschen wir einen Blick. Der Weg ist steil, an dem kalten Morgen aber ideal zum Warmwerden. Bald sind wir an einer Abzweigung. Der eine Weg führt hoch zum Maglić, der andere runter nach Montenegro in den Piva-Canyon. Unsere Rucksäcke lassen wir an der Kreuzung liegen und machen uns ohne Gepäck auf Richtung Maglić. Wir sind uns unsicher, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt, im Moment stehen wir nämlich in dichten Wolken. Unser Proviant ist uns zudem heute morgen auch noch ausgegangen, trotz der extra Kartoffeln.

Trnovacko See Zelten auf der Via Dinarica

Trnovacko See, unser Zeltplatz

Nach knappen drei Kilometern sehen wir dann den Gipfel. Er ist tatsächlich wolkenfrei! Eine kurze Kraxelei bringt uns ganz noch oben und wir genießen die grandiose Aussicht, die wir sogar ganz für uns alleine haben.

Maglic Gipfel auf dem Via Dinarica

Blick vom Maglic

Was steht da? Tafel auf dem Maglić

Via Dinarica in Montenegro

Abstieg vom Maglic

Maglić Via Dinarica

Blick zurück auf den Gipfel

Beim Abstieg werden wir hungrig und so machen wir nur zwei kurze Pausen um unser Wasser an einigen Quellen aufzufüllen. Das viele Wasser in Seen und Quellen (aber nicht das vom Himmel!) ist eine sehr willkommene Abwechslung auf der sonst sehr trockenen, karstigen Via Dinarica. Gegen 14:00 sind wir dann endlich unten im Piva-Canyon. Auch landschaftlich ist diese Etappe herausragend gut gewesen. Bergwiesen strecken sich in alle Richtungen und werden nur in der Ferne von dann aber extrem steil abfallenden Schluchten durchbrochen. Die Piva selber ist von einem der höchsten Staudämme in Europa zu einem kristallklaren See aufgestaut.

Piva Canyon auf der Via Dinarica

Blick vom Staudamm

Piva Canyon auf der Via Dinarica

Piva Stausee

Bevor wir zur großen Straße auf der anderen Seeseite kommen, müssen wir den Stausee erst auf einer anderen Straße umrunden. Die Via Dinarica geht über den Staudamm und auf der anderen Seite des Canyon wieder hinauf auf das nächste Hochplateau und dann weiter nach Albanien. Für uns geht die Wanderung jedoch hier zu Ende. Unser Flug geht in ein paar Tagen und vorher wollen wir uns noch ein bisschen an der Küste erholen. Erstmal müssen wir jedoch hier wegkommen. Viel ist auf der Straße auf dem Damm nämlich auch nicht los. Nach dem wir mit den ersten Autos noch kein Glück hatten, fragen uns zwei ältere deutsche Motorradreisende skeptisch, ob das (also das trampen) denn überhaupt klappe. Schon das zweite Auto danach hält aber auch schon an und zwei nette Einheimische nehmen uns mit. So endet unser Abenteuer auf Via Dinarica mit einer verdienten, 50cm großen Pizza in Niksić. 

Budva ist zwar schön, aber…

So ganz finden wir uns noch nicht zurecht

Zurück in der Zivilisation

 

 

Hier das Video zu dieser sehr schönen letzten Etappe

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